Der KI-Filter: vier Fragen, drei Beispiele
Ein Prüfverfahren gegen die KI-Falle: vier Fragen, an drei typischen Vorhaben durchgerechnet, plus das Formular für Ihr nächstes Projekt.
Wofür dieser Leitfaden gut ist
Sie haben eine Liste mit KI-Vorhaben. Vermutlich zu lang. Vermutlich hat niemand sie je gegen etwas anderes geprüft als gegen Begeisterung.
Dieser Leitfaden gibt Ihnen ein Prüfverfahren, das in einer Stunde durchläuft und ohne Werkzeug auskommt. Vier Fragen, ein Formular, drei durchgerechnete Beispiele.
Er sagt Ihnen nicht, was Sie bauen sollen. Er sagt Ihnen, was Sie nicht bauen sollen — und das ist der teurere Teil der Entscheidung.
Die Ausgangslage, in einer Zahl
Wir haben 4.161 codierte Verkaufsgespräche aus zwölf Unternehmen ausgewertet. Häufigster Einwand: „kein Bedarf”, 971 Mal. Daraus wurden null Termine.
Kein Modell, kein Agent und keine bessere Betreffzeile ändert das. Es ist ein Zielgruppen-Problem, das sich als Werkzeug-Problem verkleidet — weil das Werkzeug-Problem angenehmer zu lösen ist.
Genau dagegen ist der Filter gebaut.
Die vier Fragen
1. Bringt es mehr Umsatz bei günstigerem CPL oder CAC? Nicht mehr Aktivität. Nicht mehr Leads. Mehr Umsatz, oder derselbe Umsatz günstiger.
2. Spart es Geld gegenüber der heutigen Lösung? Gegen die echte Rechnung: Lizenzen plus Arbeitszeit plus Wartung. Nicht gegen den Listenpreis des Anbieters.
3. Muss dieser Prozess überhaupt existieren? Wenn er morgen wegfiele: würde es jemand merken? Wer? Woran?
4. Und ist er ein Engpass, den Sie jetzt haben? Nicht einer, den Sie in zwei Jahren haben könnten. Jetzt.
Viermal nein heißt: keine Ressourcen. Nicht später, nicht klein anfangen, nicht als Nebenprojekt. Nicht.
Der Filter ist absichtlich hart. Ein weicher Filter lässt alles durch, und genau das beschreibt die meisten Roadmaps.
Drei Beispiele, durchgerechnet
Die folgenden drei sind Archetypen, keine Kundenfälle — Vorhaben, die in fast jeder Liste auftauchen. Die Zahlen sind Beispielrechnungen, mit denen Sie Ihre eigenen ersetzen.
Beispiel A: Der KI-SDR, der Erstansprachen schreibt
| Frage | Antwort | Begründung |
|---|---|---|
| 1. Umsatz / CAC | fraglich | Mehr Nachrichten senken den CPL nur, wenn die Antwortquote gleich bleibt. Prüfen Sie das, bevor Sie skalieren. |
| 2. Ersparnis | ja | Ersetzt Schreibzeit, die messbar ist: Nachrichten pro Woche mal Minuten pro Nachricht. |
| 3. Prozess nötig | ja | Erstansprache ist Teil des Vertriebs. |
| 4. Engpass jetzt | kommt darauf an | Wenn Ihre Vertriebler unter 20 Prozent ihrer Zeit mit Schreiben verbringen, ist es keiner. |
Ergebnis: bedingt bauen. Vorher eine Woche lang messen, wie viel Zeit tatsächlich ins Schreiben geht. Liegt sie unter 20 Prozent, lösen Sie ein Problem, das Sie nicht haben.
Beispiel B: Der Chatbot auf der Website
| Frage | Antwort | Begründung |
|---|---|---|
| 1. Umsatz / CAC | nein | Ein Chatbot erzeugt keinen Traffic. Er verändert höchstens, was mit vorhandenem Traffic passiert. |
| 2. Ersparnis | nein | Bei unter 50 Anfragen im Monat sparen Sie nichts. Sie verlagern nur. |
| 3. Prozess nötig | nein | Wenn er morgen wegfiele, würde es niemand merken. Das ist die Antwort. |
| 4. Engpass jetzt | nein | Der Engpass sitzt fast immer davor: es kommen zu wenige. |
Ergebnis: nicht bauen. Viermal nein. Der Chatbot ist das Standardbeispiel für ein Projekt, das gut aussieht, sich planen lässt und nichts verändert.
Beispiel C: Ein Lead-Scoring, das Signale gewichtet
| Frage | Antwort | Begründung |
|---|---|---|
| 1. Umsatz / CAC | ja | Wenn dieselbe Vertriebszeit auf bessere Kontakte fällt, sinkt der CAC ohne Mehraufwand. |
| 2. Ersparnis | ja | Weniger Zeit in Kontakten, die nie kaufen. |
| 3. Prozess nötig | ja | Priorisierung findet ohnehin statt, heute nur nach Bauchgefühl. |
| 4. Engpass jetzt | ja, wenn Ihre Liste größer ist als Ihre Kapazität | Sonst nein: bei 30 Kontakten pro Monat brauchen Sie kein Modell. |
Ergebnis: bauen, sofern Frage 4 mit ja beantwortet ist. Und klein anfangen: drei Signale reichen für die erste Version.
Das Formular
Kopieren Sie das für jedes Vorhaben auf Ihrer Liste. Eine Seite, keine Präsentation.
Vorhaben: ______________________________________________
1. Mehr Umsatz bei günstigerem CPL/CAC? ja / nein
Woran gemessen: _____________________________________
Heutiger Wert: ______ Zielwert: ______
2. Spart es Geld gegen die heutige Lösung? ja / nein
Heutige Kosten (Lizenz + Zeit + Wartung): ______ €/Monat
Erwartete Kosten danach: ______ €/Monat
3. Muss der Prozess existieren? ja / nein
Wer würde es merken, wenn er wegfiele: ______________
4. Engpass, den wir JETZT haben? ja / nein
Beleg dafür: ________________________________________
Entscheidung: bauen / bedingt (Bedingung: __________) / nicht bauen
Nächste Prüfung am: __________
Zwei Regeln zum Formular:
Eine leere Zeile ist ein Nein. Wer den heutigen Wert nicht kennt, kann keine Verbesserung behaupten.
„Bedingt” braucht eine Bedingung mit Datum. Sonst ist es ein Ja mit schlechtem Gewissen.
Die Sitzung: eine Stunde, vier Schritte
Minute 0–10. Alle laufenden und geplanten KI-Vorhaben auf eine Liste. Auch die, an denen jemand nebenbei arbeitet. Gerade die.
Minute 10–40. Je Vorhaben das Formular, maximal fünf Minuten. Wer länger diskutiert, hat die Antwort schon.
Minute 40–50. Alles mit viermal nein wird gestoppt, nicht pausiert. Pausiert heißt: es bindet weiter Aufmerksamkeit.
Minute 50–60. Die frei gewordene Kapazität einem einzigen Vorhaben zuschlagen, das viermal ja hat. Nicht zweien.
Was Sie danach messen
Streichen Sie eine Kennzahl aus Ihrem Wochenbericht: die Antwortquote. In unserem Datensatz hat der Kampagnen-Winkel mit der höchsten Antwortquote null Termine gebucht.
Setzen Sie stattdessen: Termine, Termine je 1.000 Kontakte, und Aufwand je Termin. Eine Antwort ist ein Zwischenschritt, kein Ergebnis.
Vier Prinzipien, die bleiben
Der Engpass entscheidet, nicht die Roadmap. Alles außerhalb des Engpasses ist Beschäftigung.
Bauen fühlt sich an wie Fortschritt. Es sieht nach Arbeit aus, es lässt sich planen, und solange gebaut wird, fragt niemand nach dem Ergebnis.
Eine leere Zelle ist ein Nein. Nicht ein „müssen wir noch herausfinden”.
Zählen Sie, was bezahlt. Termine, Pipeline, Umsatz. Alles andere fühlt sich nur gut an.
Die Kurzfassung
Vier Fragen. Eine Stunde. Viermal nein heißt nicht bauen.
Der schwierige Teil ist nicht das Verfahren. Es ist, ein Vorhaben zu stoppen, in das schon Arbeit geflossen ist. Genau dafür ist der Filter da: damit die Entscheidung an den Fragen hängt und nicht daran, wer sie vorgeschlagen hat.